Interview zur 4-Tage-Woche mit Jan Eppers / Frische Fische

 

Professionell arbeiten, ohne gehetzt zu sein

Auslöser für das Interview mit Jan Eppers war ein Bericht über die 4-Tage-Woche, die in der Agentur bereits in 2015 eingeführt wurde und von fast allen Mitarbeitern genutzt wird. Ich war neugierig auf dieses besondere Arbeitszeitmodell und sprach mit Jan Eppers über seine persönlichen Erfahrungen.

Mein Gesprächspartner:

Jan Eppers

Arbeitszeit

Frische Fische
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01099 Dresden/Germany
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Jan Eppers ist Geschäftsführer und Gründer der PR-Agentur „frische Fische“ in Berlin und Dresden, einer Agentur mit tiefer technischer Expertise und Beratungskompetenz, spezialisiert auf Tech-Themen mit besonderem Fokus auf Cloud, Adtech, Mobile und B2B-IT. Er lebt mit seiner Ehefrau und drei Kindern im Alter zwischen fünf und zehn Jahren in der Dresdner Neustadt. Die Partnerin ist in Vollzeit beruflich tätig, die Familienarbeit teilen sich beide hälftig auf.

Was bedeutet „Entschleunigung“ für Sie?

Kreativität braucht Ruhe, Langsamkeit. Das ist vor allem eine Frage der Selbststeuerung. Wir arbeiten in der Agentur oft mit engen Deadlines. Da stelle ich mir die Frage „Muss ich den Text wirklich noch drei Mal überarbeiten?“ Besser wird er davon nämlich in der Regel nicht, und lange Arbeitszeiten an sich sind noch kein Zeichen für Qualität. Niemand sagt am Ende seines Lebens: „Hätte ich doch mehr gearbeitet!“

Das hört sich recht entspannt an. Empfinden Sie denn gar keinen Zeitdruck?

Selten! Denn: Ich mache das, was mir Spaß macht. Und kann es gut mit den Vorstellungen von meinem Leben vereinbaren.

War das schon immer so?

Nein. Am Anfang, in den Gründungszeiten der Agentur, stand bei mir eine 60 Stunden-Woche auf dem Programm. Mein persönliches Disziplinierungsmittel kam von außen und hieß: „Wenn Kinder da sind, sind sie da!“ Eine Familie zu haben, hat bei mir die Frage nach meinem persönlichen Werte-System ausgelöst. Mir wurde klar, dass es mir vorrangig um Werte geht, die nicht der Geldmaximierung dienen. Ich reduzierte Schritt für Schritt meine Arbeitszeit. Erst hielt ich mir die Wochenenden arbeitsfrei, dann die Abende. So habe ich mich allmählich auf ein Pensum zubewegt, das mir heute erlaubt, Zeit mit meiner Familie zu verbringen und gleichzeitig die Agentur zu führen.

Was tun Sie als Arbeitgeber für die „Entschleunigung“ der Mitarbeiter?

Wir haben bereits vor einigen Jahren, im Februar 2015, eine 4-Tage-Woche in der Agentur eingeführt. Wir wollten damit den Mitarbeitern die Möglichkeit geben, die Arbeitszeit nach individuellen Bedürfnissen einzuteilen. Des weiteren ging es uns dabei auch um einen psychologischen Effekt: der Anspruch auf eine 4-Tage-Woche ist verbrieft und gehört zur Unternehmenskultur.

Welche Erfahrungen haben Sie und Ihr Team mit dem Arbeitszeitmodell gemacht?

Die Mitarbeiter können wählen, ob sie daran teilnehmen oder nicht. Von 15 Mitarbeitern sind nur 3 bei der 5-Tage-Woche geblieben. Vielen kommt es entgegen, weil sie an dem zusätzlichen freien Tag Zeit für Dinge haben, die sie sonst nicht wahrnehmen könnten.
Ein Mitarbeiter hat die Arbeitszeit wieder auf 5 Tage zurückgedreht, nachdem er die 4-Tage-Woche zunächst ausprobiert hatte. Ob es funktioniert, ist letztendlich abhängig vom jeweiligen Lebensmodell.

Gab es Schwierigkeiten bei der Einführung?

systemische Beratung

Innerhalb der Agentur bzw. bei den Mitarbeitern nicht, weder organisatorisch noch in der Zusammenarbeit im Team. Allerdings bin ich im Rahmen einer Fachtagung für Arbeitsschutz, auf der ich unser Modell vorstellte, kritisiert worden, weil wir mit der 4-Tage-Woche dauerhaft den 10-Stunden-Tag eingeführt haben. Das berührt die gesetzliche Regelung [1], wonach dies nur vorübergehend der Fall sein sollte und innerhalb eines bestimmten Zeitraums wieder auf einen 8-Stunden-Tag zurückzuführen ist.

Das bringt mich zu den aktuellen Digitalisierungs-Trends. Wie schätzen Sie die Auswirkungen diesbezüglich ein?

Insgesamt bin ich überzeugt davon, dass die Digitalisierung eine Vielzahl von Optionen und Freiheiten mit sich bringt. Wenn man die Entwicklung vom Ende her denkt, dann wird der technologische Fortschritt den Menschen von vielen unangenehmen Tätigkeiten befreien. Qualifiziertere Aufgaben werden bleiben, standardisierte Abläufe fallen weg. In den Unternehmen wird künftig den kreativen Aufgaben eine größere Bedeutung als bisher zukommen. Schon jetzt ermöglicht uns die digitale Technik das Zusammenarbeiten in virtuellen Teams, bei denen die Mitglieder an verschiedenen Standorten sitzen oder zeitweise im Homeoffice arbeiten können. Dies kommt den Vorstellungen vieler Mitarbeiter entgegen und ermöglicht mir als Arbeitgeber neue Formen der Projektorganisation. Das alles bewerte ich durchaus sehr positiv – anders als die Kollegen vom Arbeitsschutz.

BalanceSchwierigkeiten sehe ich dort, wo man aufgrund einer bestimmten Technologie quasi zu etwas verpflichtet wird, was man aus bestimmten Gründen eigentlich nicht will. Im privaten Kontext fällt mir dazu das Beispiel ein, dass ich den Sport der Kinder nur dann noch organisieren kann, wenn ich wie alle anderen WhatsApp nutze. Lehne ich die Nutzung von WhatsApp ab, schließe ich mich selbst aus bestimmten Kreisen aus.

Wo sehen Sie aktuell die größten Chancen und Herausforderungen für Ihr Unternehmen und darüber hinaus?

Für den einzelnen Menschen bedeutet die zunehmende Flexibilität, dass man gefordert wird, sich weit mehr als bisher selbst zu steuern. Das bezieht sich vor allem auf die Organisation der eigenen Arbeit und des Privatlebens: private und berufliche Aktivitäten verweben sich zunehmend, die bisherige strikte Trennung wird es künftig immer seltener geben. In Zukunft kommt es darauf an, die professionelle Arbeit gut zu machen, ohne gehetzt zu sein. Jeder von uns hat festgefahrene Gewohnheiten, flexibles Verhalten muss erst einmal eingeübt werden, anders lässt sich größere Gestaltungsspielraum nicht ausschöpfen.

Ich bin der Überzeugung, dass die bisherigen „9 to 5 jobs“ gesellschaftlichem Engagement entgegenstehen. Ich sehe es an unseren Mitarbeitern, die den freien Tag der Arbeitswoche nutzen für Aktivitäten, denen sie sonst nicht nachgehen könnten:

Eine Mitarbeiterin hat die Vormundschaft für mehrere Flüchtlinge übernommen und nutzt ihren freien Wochentag, um die notwendigen Amtsgänge zu erledigen. Ein anderer Mitarbeiter engagiert sich im Jugendfußball, eine Mitarbeiterin hält in Schulen Vorträge über die Arbeit von Amnesty International. Ein weiterer Kollege hat die nötige Muße, einen eigenen Podcast zu produzieren. Dieses ganz unterschiedliche Engagement kommt der Gesellschaft zugute, und wäre bei den alten Arbeitszeiten teilweise überhaupt nicht möglich?

Ganz zum Schluss: Was ist Ihr persönlicher Entschleunigungs-Tipp?

Ich schätze Ruhe & Stille, beispielsweise in der Sauna. Und ich meditiere regelmäßig.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

 

[1] Nach § 3 Satz 2 ArbZG ist eine Ausdehnung auf werktäglich 10 Stunden jederzeit zulässig. Voraussetzung ist aber, dass innerhalb eines sog. Ausgleichszeitraumes von sechs Monaten oder 24 Wochen ein Durchschnitt von acht Stunden werktäglich erreicht wird. Beispiel: Der Arbeitgeber hat kurzfristig einen erhöhten Arbeitsanfall. Er kann deshalb die Arbeitszeit beispielsweise für vier Wochen auf werktäglich 10 Stunden ausdehnen, wenn innerhalb der nächsten 6 Monate vier Wochen lediglich 6 Stunden pro Werktag gearbeitet wird. In diesem Fall kann also nur noch von einem durchschnittlichen 8-Stunden-Tag die Rede sein.

 

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