Modernes Recruiting – Interview mit Aaron Kübler / AKUB Consulting UG

Zuviel Arbeit tötet die Kreativität

Das folgende Interview wurde am 24. April 2018 geführt. Ich wollte gern von Aaron Kübler erfahren, worauf es aus seiner Sicht als Personalberater künftig bei der Stellenbesetzung ankommt und wie er auf die aktuelle Entwicklung am Arbeitsmarkt schaut.

Mein Gesprächspartner:

Aaron Kübler
AKUB Consulting UG
Herdweg 40
D – 74523 Schwäbisch Hall
Tel.: +49 (0) 7907 5899879
Fax: +49 (0)7907 5899961

Mail: kuebler(a)akub-consulting.com
www.akub-consulting.com

Facebook: https://www.facebook.com/KueblerAaron/
XING: https://www.xing.com/profile/Aaron_Kuebler/
Podcast: http://akub-consulting.com/good-recruit-podcast/

Aaron Kübler, Geburtsjahr 1986, wohnhaft in Schwäbisch Hall, ab Juli 2018 verheiratet (07.07.18). Ausbildung, Meisterbrief und berufsbegleitendes Studium. Er war mehrere Jahre im höheren Management bei verschiedenen Firmen tätig, bevor er ein eigenes Beratungsunternehmen zur Kunden- und Personalgewinnung gründete. Anfang 2017 startete Aaron Kübler den Good Recruit Podcast. Seither wurden schon über 100 Folgen erfolgreich veröffentlicht. Mehrere tausend Hörer pro Folge hören den Good Recruit Podcast. In Kürze kommt ein weiterer Podcast mit dem Namen Unwiderstehlich Verkaufen zum Thema Vertrieb und Marketing.

Herr Kübler, Was bedeutet Entschleunigung für Sie?

Ich versuche, bei mir und meinen Mitarbeitern auf Entschleunigung zu achten, das heißt: Auch unter Druck noch Druck rauszunehmen. Darunter verstehe ich insbesondere, den unbegründeten Druck zu reduzieren, den wir uns selbst machen: Wir arbeiten mit dem Anspruch, für unsere Kunden einen konkreten Nutzen zu stiften, wir wollen unsere Aufträge gut erfüllen. Dabei sind wir oft getrieben von einem erhöhten Zeitdruck. Die Frage, inwieweit wir diesen zu verantworten haben oder ihn beeinflussen können, rückt im Alltagsstress schnell aus dem Fokus, ist aber entscheidend für das eigene Empfinden.

Diese Art Druck kennt zweifellos jeder. Der technologische Fortschritt wird dies sicher noch verstärken, denn die Arbeit wird sich sehr stark verändern. Wie begegnen Sie selbst dieser Entwicklung?

Entschleunigung Arbeitszeitist ein kontinuierliches Tun. Für mich bedeutet dies, mir meiner inneren Antreiber bewusst zu werden und da, wo möglich, Druck gar nicht erst entstehen zu lassen oder zu reduzieren.
In meinem Unternehmen streben wir 30-Stunden-Wochen an, bei vollem Lohnausgleich. Das bedeutet, wir müssen unser Leistungsniveau in kürzerer Zeit erarbeiten. Vor diesem Hintergrund beschäftige ich mich seit einiger Zeit mit Business Automation. Bei der Überlegung, welche Arbeitsprozesse sich automatisieren lassen, ist es für mich sehr wichtig, das ganze System zu betrachten und mit Maß vorzugehen. Geld zu verdienen bedeutet Wert zu schöpfen, d.h. am Ende gibt es etwas zu TUN, denn nicht alle Vorgänge lassen sich zielführend an Softwareprogramme oder Maschinen delegieren.

Die Verbindung der Business Automation mit einer Arbeitszeitverkürzung gefällt mir! Wo sehen Sie denn da die größte Herausforderung?

Über die Möglichkeit kürzerer Arbeitszeiten wird ja augenblicklich viel diskutiert, unter anderem verknüpft mit Überlegungen zu einem Grundeinkommen. Ich stehe dem skeptisch gegenüber. Ich setze mich lieber damit auseinander, wie ich den technologischen Fortschritt im Unternehmen für eine erhöhte Produktivität und Effizienz nutzen kann, ohne dass die Arbeitsqualität und die Leistung leidet.
Hinsichtlich verkürzter Arbeitszeiten sehe ich durchaus eine gesellschaftliche Komponente. Ich bin überzeugt, dass viele Menschen die zusätzliche Freizeit nicht nur für ihre persönliche Entspannung nutzen werden, sondern Aktivitäten wahrnehmen, die ihrem Umfeld zugute kommen. Das hat dann wieder eine positive Rückwirkung auf die Gesellschaft.

Was sind die Beschleunigungseffekte in Ihrem beruflichen Umfeld?

Als Berater sind wir getrieben von der Erwartungshaltung unserer Kunden. Wir werden beauftragt, wenn man aus eigener Kraft keine geeigneten Kandidaten findet. Beim Kunden ist dann bereits ein gewisser Druck vorhanden, es wird erwartet, dass der Vermittler innerhalb kürzester Zeit besetzt. Auch wenn wir natürlich Möglichkeiten der Kandidatensuche nutzen, die nicht jedem Unternehmen zugänglich sind, geht es doch immer um Menschen, die in einem Beschäftigungsverhältnis stehen. Immer weniger Fachkräfte sind am Markt frei verfügbar oder arbeitssuchend. Häufig sind lange Kündigungsfristen einzuhalten, es müssen Resturlaube berücksichtigt und Übergaben sichergestellt werden. Da besteht meistens wenig Verhandlungsspielraum. Auf der anderen Seite haben wir beispielsweise einen Kunden, der eine Kündigungsfrist von 6 Monaten nicht abwarten will, selbst wenn wir einen passenden Mitarbeiter finden. Dieses Spannungsfeld erzeugt in unserer Arbeit einen starken Zeit- und Verhandlungsdruck, der sich durch die aktuelle Entwicklung am Arbeitsmarkt weiter verschärft.

Wie gehen Sie mit dieser Gemengelage um?

Es geht immer um Menschen, auf beiden Seiten, und die gilt es, best möglichst zu matchen. Der bestehende Zeitdruck sorgt auf allen Seiten für Stress, der noch weiter zunimmt, wenn von uns erwartet wird, dutzende Bewerber gleichzeitig zu bringen.
Die Parameter, wie z.B. die Kündigungsfrist, sind schwerbeeinflussbar. Also sprechen wir mit den Kandidaten,  überlegen zum Beispiel, ob eine vorzeitige Aufhebung in Frage kommt. Doch häufig möchten Kandidaten ihren bisherigen Arbeitgeber nicht unter Druck setzen, sie wollen ihre Kollegen nicht im Stich lassen, noch eigene Projekte zu Ende bringen oder ordentlich übergeben.

Das ist ja im Prinzip eine sehr loyale und verantwortungsbewusste Einstellung. Nach meiner Erfahrung wollen Beschäftigte in jedem Fall ihre Resturlaube nehmen, da die ein Urlaub in der anstehenden Probezeit meistens ausgeschlossen ist. Vielen geht es dabei nicht allein um Erholung, sondern auch um den Wunsch, zunächst den bisherigen Job abzuschließen, bevor sie etwas Neues beginnen.

Richtig, das deckt sich mit meinen Beobachtungen. Wie gesagt: in unserer Arbeit geht es immer um den Menschen. Es ist elementar, in Beziehungen treten zu können. Dabei kommt es auf eine gute Kommunikation an, um eine belastbare, vertrauensvolle Zusammenarbeit mit allen Beteiligten zu entwickeln. Mit etwas Verhandlungsgeschick kann ich dann häufig Problemlagen zur Zufriedenheit aller auflösen.
Das funktioniert jedoch nur, solange ich selbst relativ gelassen bin. Wenn ich stattdessen überarbeitet bin, oder unter zu großem Druck stehe, merkt das mein Gegenüber sofort, da geht dann oft gar nichts mehr.

Auf welche Fähigkeiten und Schlüsselkompetenzen muss ein chancenreicher Kandidat künftig mitbringen?

Um an dem obigen Thema anzuknüpfen: eine gesunde Selbstregulation wird immer wichtiger. Im Falle einer neuen beruflichen Aufgabe bedeutet dies, dass er ausgeruht anfängt. Nur, wenn ein Kandidat leistungsfähig ist, kann er vollen Einsatz bringen. Das ist durchaus ein wirtschaftlicher Faktor, und immer mehr Unternehmer sehen das auch.

Darüber hinausgehend wird natürlich Kommunikation – egal in welchem Job – immer wichtiger werden. Das gilt auch für Bereiche, bei denen man dies bislang nicht für notwendig erachtete. So sind Software-Entwickler längst keine Nerds mehr.
Bei aller Technisierung wird die fach- und bereichsübergreifende Interaktion untereinander immer wichtiger. Das erfordert eine gewisse Teamorientierung, auch wenn man nicht im gleichen Büro sitzt: Die Arbeitsorganisation verändert sich hin zu mehr virtueller Zusammenarbeit und dezentralen Strukturen.

Dabei ist es abhängig von der Unternehmenskultur, wie viel Arbeit zum Beispiel im Home Office möglich ist. Ich persönlich halte es für wichtig, dass der „face-to-face“-Kontakt unverändert erhalten bleibt, auch wenn man überwiegend in virtuellen Teams arbeitet.

Nach meiner Erfahrung stellt sich bei vielen Menschen eine Art Lähmung ein, wenn unerwartete Veränderungen auf sie zukommen. Diese Situationen werden sich wahrscheinlich durch den technologischen Fortschritt häufen – wie können Unternehmen und Führungskräfte dem begegnen?

Eine grundsätzliche Veränderungsbereitschaft muss da sein. Roboter können heute schon vieles ersetzen, es existieren bereits automatisierte Vorgänge, sowohl im gewerblichen wie kaufmännischen Bereich. Wir haben beispielsweise ein Buchhaltungsprogramm eingeführt, das die Belege direkt verarbeitet. Wir sparen derzeit pro Woche 2 Stunden Arbeitszeit, das entspricht 1 Arbeitstag pro Monat. Natürlich verändert das bei dem bislang mit den Aufgaben betrauten Mitarbeiter das Tätigkeitsfeld. Die Anpassung der Arbeitsplätze und Funktionen wird derzeit durch Arbeitsschutzgesetze gebremst. Andernfalls wäre der technologische Fortschritt schon längst deutlicher spürbar und sichtbar.

Häufig machen diese Entwicklungen erst einmal Angst, es besteht die Gefahr der Erstarrung. Wie kann mit solchen Ängsten umgegangen werden?

Jeder kann sich selbst fragen „Was muss ich tun, um meinen Job zu behalten? In welche Richtung möchte ich mich beruflich weiterentwickeln?“ Aus den Antworten ergeben sich dann die nächsten Schritte. Aus meiner Sicht wird es in vielen Berufen künftig notwendig sein, ein grundsätzliches Verständnis über IT und Programmierung mitzubringen. Möglicherweise reicht es, die Grundlagen zu kennen, quasi wie ein technologisches Allgemeinwissen.

Schauen wir auf die Generation, die derzeit vorrangig Führungspositionen inne hat: die Babyboomer. Welche Aufgaben kommen auf diese Personen zu?

Nach meiner Einschätzung wird es bei diesen zu einem Erwachen kommen müssen. Diese Generation ist hierarchische Unternehmensstrukturen gewöhnt, die derzeit bereits im Umbau sind. Hinzukommt, dass die bisherigen linearen Bildungswege, die die aktuelle Führungsriege selbst noch durchlaufen hat, an Bedeutung verlieren werden. Es braucht ein neues Verständnis von Leadership und einen anderen Führungsstil.
Bei aller notwendiger Wirtschaftsorientierung darf die Menschlichkeit nicht vergessen werden: Der Mensch, der die Maschinen bedient, der also ein Verständnis für die Maschinen hat, wird ein Verständnis für seine eigenen Belange erwarten.
Für die Unternehmensführung bedeutet dies, offensiv und transparent mit den Mitarbeitern zu kommunizieren und Orientierung zu geben. Dabei geht es explizit darum, der Panikmache entgegen zu wirken, aber auch zum Ausdruck zu bringen: wenn alles beim Alten bleibt, werden einige ’rausgespült werden. Es braucht einen klaren Plan für die Personalentwicklung, der Möglichkeiten & Konsequenzen der Weiterqualifizierung aufzeigt. Klartext reden. Last but not least: die Veränderungen nicht mit der Brechstange durchziehen, sondern Zeit für Entwicklung geben.

Sie haben eben die veränderten Bildungswege angesprochen. Worauf kommt es künftig an?

Ich glaube, dass Zertifikate, Studium und Lehrgänge ein Stück weit an Bedeutung verlieren werden, vor allem über die lange Zeit der Berufstätigkeit hinweg.
Präsenzseminare eignen sich weniger für theoretische Wissensvermittlung. Sie haben ihre Berechtigung, sobald man über konkrete Lösungen spricht. Reines Fachwissen wird tendenziell mehr über eLearning-Formate vermittelt werden. Klassische Trainingsformate nach streng didaktischen Standardkonzepten sind für mich ein Auslaufmodell.
In der interdisziplinären Zusammenarbeit entwickelt man zusammen eine neue Form von Kreativität, man lernt voneinander lernen im Tun. Und man lernt von Kollegen, die aus anderen Fachrichtungen kommen. Das ist quasi

Seit Jahren wird die Notwendigkeit des „Lebenslangen Lernens“ betont. Was verstehen Sie darunter?

Ich bin überzeugt davon, dass uns neue digitale Lösungen viele Möglichkeiten geben, unsere eigene berufliche Qualifikation voranzubringen. Wie konsequent und kontinuierlich das eine Person macht, hängt letztlich von ihrer Eigenmotivation und Interessenlage ab.
Für mich persönlich sind eLearning-Formate ein Beitrag zur Entschleunigung: ich bringe mir dann etwas bei, wann es mir passt. Zum Beispiel habe ich mir gestern Abend meinen Laptop geschnappt, und einen Online-Kurs zu Werbeanzeigen auf Facebook erworben.

Welchen Beitrag leistet Ihr Unternehmen zur Entschleunigung?

Wie bereits beschrieben, betreibe ich Business Automation, das heißt ich prüfe, welche Vorgänge sich automatisieren lassen oder auch, welche wir weglassen können. Wer glaubt, mit einem reduzierten Arbeitseinsatz erfolgreich zu werden, braucht einen gewissen Digitalisierungsgrad. Für mich heißt das „Automatisieren mit Maß und Ziel“. Es lässt sich nicht alles automatisieren. Man muss auch noch einen Wert schaffen.
Wir streben eine Wochenarbeitszeit von 30 Stunden an bei gleichem Gehalt.
Dazu gehört, dass wir bei unseren Kunden, den Unternehmen, das Bewusstsein dafür schärfen, dass auch die Kandidaten keine 60-Stunden-Woche wollen. Sie möchten ihre Familie sehen, statt unter der Woche durchzuarbeiten. Immer mehr Menschen fordern das von dem künftigen Arbeitgeber ein. Häufig werden vom Mitarbeiter jedoch lange Präsenzzeiten erwartet, ohne zu fragen, welcher Mehrwert dadurch generiert wird. Wir vertreten daher gegenüber unseren Kunden die Haltung „Viel Arbeit ist kein Status-Symbol, eher ein Zeichen von Schwäche.“

Und zum Abschluss: was ist Ihr ganz persönlicher Entschleunigungstipp?

Ich lebe nach dem Motto „Wer zu viel arbeitet, der tötet die Kreativität.“
Ich habe mich gefragt „Was mache ich denn in den 2 Stunden, in denen ich weniger arbeite?“ Auf dem Kalender ist es zwar leere Zeit, aber mein Kopf ist nie leer. Ich möchte diese Zeit in erster Linie sinnvoll für mich selbst verbringen, also nicht immer nur leisten müssen. Das kann heißen, dass ich auf dem Sofa liege und ein gutes Buch lese. Heute gönne ich mir einen Spaziergang zum örtlichen Fahrradhändler, um mein neues Fahrrad abzuholen.

Dann wünsche ich Ihnen einen erholsamen Tag, und vielen Dank für das Gespräch!

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