Wir merken nicht, was wir tun!

Das folgende Interview habe ich am 8. August 2018 mit Dr. Reményi geführt. Imre Márton Reményi arbeitet als Psychotherapeut in eigener Praxis. Er ist bekennender Zeitverzögerer, Universitätslektor und Mitglied im

Verein zur Verzögerung der Zeit
Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt/Austria

Mein Gesprächspartner

Dr. Imre Marton Reményiist ein international gefragter Coach für Persönlichkeiten, deren Stellung in der Öffentlichkeit höchste Professionalität und absolute Diskretion erfordert. Daneben ist er als Trainer und Organisationsberater tätig und unterrichtet an mehreren Universitäten. Sein Themenschwerpunkt sind Menschen im Umgang mit sich selbst und mit anderen Menschen. In Budapest geboren, hat er seinen Lebensmittelpunkt in Wien, wo er auch als Psychotherapeut in eigener Praxis und Lehrtherapeut für Systemische Familientherapie tätig ist. Dr. Imre Márton Reményi arbeitet in sechs Sprachen. Sein Motto lautet:

Eine Möglichkeit ist eine Einbahn.
Zwei Möglichkeiten sind ein Dilemma.
Ab drei Möglichkeiten beginnt das Leben!

Kontaktdaten:
Mag. Dr. Imre Marton REMENYI
1010 Wien, Wipplingerstr. 13
e-Mail:       office@remenyi.at
Homepage:   www.remenyi.at  |  www.viennamanagement.org  |  www.imremarton.eu

Herr Reményi, zunächst möchte ich gern wissen, welche Bedeutung hat Entschleunigung für Sie?

Ich persönlich halte es mit dem Motto „ich habe keine Zeit – ich nehme sie mir!“ Beruflich gesehen ist für mich Beratung oder Therapie eine Form der Entschleunigung.

Als Coach habe ich dazu sofort eine Assoziation, doch bitte erläutern Sie einmal, was Sie darunter genau verstehen.

Die Menschen, die in meine Praxis finden, meinen ständig verfügbar sein zu müssen. Sie bemerken gar nicht mehr, welchen Automatismen sie unterliegen. Ihr durchgetakteterArbeitsalltag und ihre Lebensweise sind ihnen so selbstverständlich geworden, dass sie gar nicht merken, was sie tun. Auch die kürzesten Leerlaufzeiten sind inzwischen mit Aktivitäten angefüllt. Ich habe dabei immer das Bild der Menschen vor Augen, die auf den Zug wartend am Bahnhof stehen und sich intensiv mit ihrem Handy beschäftigen.
Die Beratung bzw. Therapie wirkt wie ein Abbremsen dieses rasanten Lebenstempos. Erst in der Reflexion erkennen meine Klienten, dass sie durchgehend beschäftigt sind.

Nach meiner Beobachtung sind das Momente, die bei den Betroffenen zunächst eine gewisse Hilflosigkeit auslösen.

Ja, das erlebe ich ähnlich. Für viele ist es eine sehr schmerzhafte Erkenntnis, dass sie sich selbst gar nicht mehr wahrnehmen können. Viele beschreiben das als eine Art Realitätsverlust. Ich stelle ihnen dann folgende Fragen „Wie kommen Sie da wieder hin? Wie schaffen Sie es, zu merken, was los ist mit Ihnen und Ihrem Umfeld?“

Und welche Antworten erhalten Sie dann?

In den meisten Fällen beschreiben meine Klienten, dass es Ihnen ganz normal vorkommt, auf diese Art zu leben. Es scheint Ihnen ganz selbstverständlich zu sein, sich so zu verhalten. Schließlich machen es ja alle anderen genauso! Das hat etwas Schicksalergebenes, als sei es das Normalste der Welt. Wenn ich dann nachhake „Muss das denn so sein?“ schaue ich oft in ratlose Gesichter.

Wie erklären Sie sich diese Ratlosigkeit?

Die Aufmerksamkeit vieler Menschen hat sich weg von sich selbst nach außen verlagert, hin zu anderen Menschen oder Aktivitäten. Dabei geht der Umgang mit sich selbst verloren, sie können ihren eigenen Zustand nicht mehr realistisch einschätzen. Fragt man sie dann danach, löst das eine Irritation aus, weil sie zunächst einmal nichts haben, an dem sie anknüpfen können.

Und wie begegnen Sie diesem Umstand als Therapeut?

Eine der erstenAufgaben, die ich meinen Klienten mit auf den Weg gebe ist es, sich mehrfach am Tag die Frage zu beantworten „Wie geht es mir?“ Es geht mir dabei darum, dass sie wieder lernen, den Fokus auf sich selbst zu richten und ein Gespür für ihr aktuelles Wohlbefinden zu entwickeln.
Eine andere Aufgabe, die ich Ihnen stelle, ist es, sich täglich morgens etwas vorzunehmen, was sie sich selbst Gutes tun möchten. Und dieses dann auch in Handlung umzusetzen.

Das hört sich sehr einfach ein. Braucht der Mensch dafür wirklich eine Therapie?

Nach meiner Beobachtung ist ein gewisser Standesdünkel sehr verbreitet, vor allem bei Führungskräften. Da wird das Selbstbild von dem stets aktiven Manager mit vielen Kontakten sehr gepflegt. Mir fällt auch auf, dass sich die Symptomatik in den vergangenen Jahren verändert hat. Früher was es Mode, sich eine Gastritis zuzulegen, heute hat man einen Burn-out. Stets an der Belastungsgrenze zu laufen, entspricht der gängigen Vorstellung, die heutzutage ein erfolgreicher Mensch von sich selbst hat.

Davon Abstand zu nehmen, fällt meinen Klienten sehr schwer, weil sie glauben, dann als Low-Performer wahrgenommen zu werden. Sie denken, sie büßen an Karrierechancen ein oder haben gar Angst vor dem Arbeitsplatzverlust.
Dabei geht es ja weder um Arbeitsverweigerung noch um ein komplettes Kommunikationsverbot. Nichts ist Gift, es kommt auf die Menge an. Meine Klienten haben häufig einfach nur das Maß verloren für einen angemessenen Ausgleich zu ihrem anstrengenden Alltag. Das muss erst einmal wieder mühsam erarbeitet werden.

In dem Zusammenhang mit psychomentaler Überlastung höre ich immer wieder den Begriff work-life-Balance. Was halten Sie davon?

Es muss doch darum gehen, beides miteinander zu verbinden. Ich finde es wichtig, dass meine Klienten einen Ausgleich innerhalb ihres Arbeitsalltags herstellen. Die Flucht ins Wellness-Wochenende oder den Urlaub halte ich für problematisch, denn häufig reichen diese Auszeiten nicht, um der Dauerbelastung wirksam zu begegnen. Viel wichtiger ist es nach meiner Einschätzung, dass sich der Mensch im Job nicht völlig verausgabt, sondern höchstens etwas ermüdet.

In meiner Beratungspraxis habe ich es häufig mit Menschen zu tun, die durchaus einsichtig sind, aber argumentieren, dass ihr Umfeld keine Änderung des Arbeitsverhaltens zuließe. Beispielsweise fällt das Mittagessen aus, weil Meetings angesetzt werden. Welche Bedeutung hat Ihrer Einschätzung nach die betriebliche Organisation?

Es begegnen mir immer wieder Führungspersonen, die Haltungen vertreten wie „Wer ständig beschäftigt ist, hat keine Zeit zum Nachdenken.“ oder „Wer lacht, hat noch Reserven.“ Dahinter versteckt sich die Annahme, dass die Beschäftigen andernfalls in der Komfortzone verharren und nicht im Sinne des Systems leisten. Diese Vorstellung ähnelt dem Bild der früher herrschenden Aristokraten, die seinerzeit in den Studenten per se eine Bedrohung sahen. Die hatten nämlich Zeit zum Nachdenken und konnten Revolutionen planen.

Das daraus resultierende Führungsverhalten ist an der Grenze zum Zynismus. Es herrscht ein Regiment, in dem mit Angst und Druck gearbeitet wird. Auf der anderen Seite gibt es Mitarbeiter, die sich das gefallen lassen. Die zu obrigkeitshörig sind, um aufzubegehren oder zu kündigen.

Wie müsste stattdessenein Führungsverhalten aussehen, das die angemessene Selbststeuerung der Beschäftigten fördert?

Die Erfahrung lehrt – und das belegen zahlreiche Studien – dass ein stringenter Führungsstil lediglich die Quantität und die Termintreue der Mitarbeiterleistung beeinflusst. Andere wichtige Dimensionen wie Arbeitsqualität, Kreativität und nachhaltiges Engagement lassen sich nur durch ein wertschätzendes, kooperatives Miteinander fördern. Leider sieht es jedoch häufig so aus, dass es an ernst gemeinter Wertschätzung mangelt. In der Folge streuen die Mitarbeiter dann Sand ins Getriebe des Unternehmens, zum Beispiel mit innerer Kündigung, Dienst nach Vorschrift oder Arbeitsausfällen.

Das ist ein recht ernüchterndes Bild, das sie da zeichnen.

Nur so kann ich mir das selbstschädigende Verhalten meiner Klienten erklären. Beispielsweise ist doch der Urlaub nur noch ein Zeitausgleich für geleistete Mehrarbeit. Denn in der Realität sieht es so aus, dass die meisten Mitarbeiter vor dem Urlaub anstehende Aufgaben vorarbeiten, weil ihre Arbeit während ihrer Abwesenheit liegen bleibt. Da fallen entsprechende Überstunden an, es kommt zur Verausgabung. Nach dem Urlaub müssen dann zwischenzeitlich angefallene Aufgaben nachgearbeitet werden, was wiederum die Arbeitsbelastung erhöht. Der eigentliche Zweck des Urlaubs als Zeit für Erholung und Regeneration wird so systematisch konterkariert.

Stimmt. Nicht selten werden die Menschen in den ersten Urlaubstagen krank. Oder sie berichten, dass für sie der Erholungseffekt schon einige Tage nach Urlaubsende wieder verpufft ist.

In meiner Praxis lege ich ein besonderes Augenmerk auf die Sensibilisierung der Klienten für derartige Umstände. Nur wer die eigenen Überlastungssymptome wahrnimmt, ist in der Lage, entsprechend gegenzusteuern und Konsequenzen zu ziehen.

Wie begegnen Sie selbst dem allgemeinen Beschleunigungswahn?

Ich achte darauf, mich selbst zu entschleunigen. Meine Praxis betreibe ich von Dienstag bis Donnerstag. Hinzu kommen meine Vorlesungen an der Universität und Beratertage in Unternehmen. Ich achte allerdings darauf, im Jahresschnitt in einer 4-Tage-Woche zu arbeiten und plane ausreichend Urlaubstage ein. Ich möchte mit meiner eigenen Arbeitsweise Zeichen für die wirksame Verlangsamung der Zeit setzen. Damit kann ich glaubwürdig die Einwände meiner Klienten entkräften, denen es schwer fällt, Tempo aus ihrem Leben zu nehmen.

Zum Abschluss: Haben Sie einen besonderen Entschleunigungstipp für die Leser?

Ich empfehle ihnen, regelmäßig inne zu halten und sich zu fragen „Bin ich noch auf dem richtigen Weg? Mache ich das, was mir wirklich wichtig ist?“

Ganz herzlichen Dank für diese Empfehlung und das Gespräch!

Das Interview in der pdf-Version zum Download.

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